Kritik der Politik und revolutionäre Realpolitik

[Dieser Text des Autorenkollektivs Biene Baumeister Zwi Negator wurde 2008 in der Ausgabe 28 der Zeitschrift Phase 2 veröffentlicht. Da er schon seit längerer Zeit nicht mehr im Internet verfügbar ist, machen wir ihn hier wieder zugänglich.]

Für die so genannten AktivistInnen der Gegenwart scheint sich nichts auf der Welt so sehr von selbst zu verstehen wie „linke Politik“, und sogar die Phrase „für den Kommunismus“ wird mit der Allerweltsformel „radikale Linke“ in eins gesetzt. Anstatt lediglich zwei Leerformeln zu einer erneuten allegorischen(1) Deutung dessen zu bringen, was „Demokratie“ sei und wie diese mittels besinnungsloser „linksradikaler Bewegung“ endlich zu „verwirklichen“ sei und sowas wie Sozialismus gleich mit, hat dagegen von Marx bis über die Situatonist_innen noch jede historisch-materialistische Kritik von Politik, Recht und Staatlichkeit deren radikale Aufhebung zur conditio sine qua non eines konkreten Übergangs zu communistischer Produktion und Verteilung erklärt(2), ohne zugleich der traditions-anarchistischen Politikabstinenz willfährig zu sein. Vielmehr geht das endlich fällige Schlachten der Heiligen Kuh „radikale Linke“ mit einer defetischisierenden Praxis im Handgemenge der politischen Sphäre selbst einher, und sei es nur erst in der polemischen Form von Ideologiekritik und revolutionierender Alltagskritik. Denn wenn wissenschaftliche KommunistInnen von Rosa Luxemburg(3) über Gramsci(4) bis zum reifen Lukács(5) in ihrem Kampf gegen die sozialdemokratischen und stalinistischen „Realpolitiker“ immer den Charakter der „Politik als Lebenssphäre“(6) herausgearbeitet haben, dann deshalb, weil die politische Sphäre wie keine andere Trennung im gesellschaftlichen Sein das ganze kapitalistische Alltagsleben durchdringt, so dass kein Mensch sich diesem permanenten Handgemenge der Klassenmachtverhältnisse entziehen, sich unpolitisch aus ihm heraushalten kann. Die Aufhebung dieser getrennten Sphäre der bürgerlichen Öffentlichkeit (des homme citoyen), welche das Privatleben (des homme bourgeois) gleichwohl ubiquitär durchdringt,(7) kann deshalb nur im Alltagsleben und Alltagsbewusstsein von den Proletarisierten selbst begonnen werden, indem sie ihre Proletarität und ihr Staatsbürgersein selber radikal kritisch in Frage stellen und in ihrer revolutionären Assoziation praktisch alle konkurrenzgesellschaftlichen Trennungen zu beseitigen versuchen, anstatt sich den professionellen AktivistInnen und Führungskräften „der Politisierung“ als Klientel anheim zu geben, sich von diesen zur „politischen Bewegung mobilisieren“ zu lassen. Damit stellt sich die Frage, wie in und aus der totalen Mittellosigkeit des Lohnarbeitsalltags heraus die Intervention in den politischen Weltlauf überhaupt denkbar ist, ohne sich als „schöne Seele“ angeekelt von der reformistischen Realpolitik der Linken abzuwenden und gar nichts zu tun. Eine revolutionäre Realpolitik (der Begriff geht auf Lukács zurück(8)) ist jedoch sogar in der Versprengtheit der communistischen Elemente der globalen Gesamtarbeiterin gut möglich, indem diese sich als „lesende und Dialektik erlernende Arbeiter_innen“ (so die situationistische Formel) assoziieren und mit communistisch-analytischer Polemik die Parteinahme in dem Weltbürgerkrieg zu formulieren und zu organisieren beginnen, der sich längst weiterentwickelt hat. Diese versprengten enfants perdus der wirklichen Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt, können sich nicht als Avantgarde, auch nicht als Autonome außerhalb des kosmopolitischen Proletariats bzw. als von der Klasse getrennt missverstehen, denn deren Teil und Ferment sind sie ja. Sie können nur innerhalb der Sphären von Ökonomie und Politik, denen sie wie alle anderen unterworfen sind, Anregungen für die Aufhebung dieser Trennungen entwickeln: als Theoretiker- und Experimentator_innengruppen (wie die situationistische Bezeichnung für diese theoretische Praxis war).

“Unter ›politischer Bewegung‹ versteht man heute die spezialisierte Tätigkeit von Gruppen- bzw. Parteiführern, die aus der organisierten Passivität ihrer militanten Anhänger die Unterdrückungskraft ihrer zukünftigen Macht schöpfen. Die Situationistische Internationale will mit der hierarchischen Macht nichts gemein haben, auf welche Weise es auch sein mag. Sie ist also weder eine politische Bewegung noch eine Soziologie der politischen Mystifikation. Sie beabsichtigt, der höchste Grad des internationalen, revolutionären Bewusstseins zu sein. Deshalb bemüht sie sich darum, die Verweigerungstaten und die Zeichen der Kreativität, welche die neue Gestalt des Proletariats umreißen, und den unerbittlichen Willen der Emanzipation zu erhellen und zu koordinieren. […] Gegen alle ›Übergangsprogramme‹ der spezialisierten Politik aber weist die S.I. auf eine permanente Revolution im alltäglichen Leben hin.“(9)
Ausgehend von der Notwendigkeit, die Gesamtheit der Verhältnisse umzustürzen, wird sich, wenn dies ernsthaft angegangen werden soll, immer neu die Frage stellen, wie sich in diesem Kampf Positionen bestimmen und einnehmen lassen. Dabei geht es eben nicht um linksradikale politische Bewegung und Bewegungspolitik, sondern um revolutionäre Realpolitik.(10)
Um ansatzweise ein Verständnis von communistischer Politik der kosmopolitischen Gesamtarbeiterin zu entwickeln, seien im Folgenden die bisherigen historischen Konstellationen grob skizziert, um schließlich eine Idee davon zu geben, was revolutionäre Realpolitik heute heißen sollte.

Bestimmung von Politik als Komplex vermittelter Praxis

Die 1. Internationale Arbeiter Association um Marx und Bakunin musste revolutionäre Realpolitik machen, indem sie gegen den Hauptfeind im Weltbürgerkrieg Position bezog: das war das zaristische Russland als „das Bollwerk der Konterrevolution“ in einem Europa vor und nach 1848, wo die Revolution-in-Permanenz(11) noch nicht einmal ihre bürgerlich-demokratische Umwälzungsaufgabe vollbracht hatte und sich bereits ihre proletarisch-communistische Möglichkeit wie Notwendigkeit(12) mit Macht zu zeigen begann – kulminierend in der Pariser Commune 1871. Die Hauptfeinde waren bis dahin die zaristisch-bonapartistische Achse,(13) danach Preußens konterrevolutionäre Herstellung des antidemokratischen Zweiten Deutschen Reiches durch „Blut und Eisen“, plus die mit ihm um Mitteleuropa rivalisierende Habsburger Macht; sowie das sezessionistische Sklavenhalterregime der nordamerikanischen Südstaaten. Gegen diese Gruppierung der Hauptfeinde-im-Weltmaßstab war in erster Linie die mächtigste, entwickeltste bürgerlich-demokratische Weltmacht, England, in Stellung zu bringen, d.h. die Regierungen waren zu bedrängen und abzulösen, die der zaristisch-bonapartistischen Achse in Europa und dem Sezessionskrieg in Nordamerika gegenüber eine Appeasement-Diplomatie, ideologische Medienunterstützung bis materielle Hilfe zuteil werden ließen. In der Marxschen Perspektive um 1860 „ist das Größte, was jetzt in der Welt vorgeht, einerseits die amerikanische Sklavenbewegung, […] andererseits die Sklavenbewegung in Russland […] So ist die soziale Bewegung im Westen und Osten eröffnet. Dies zusammen mit dem bevorstehenden downbreak in Zentraleuropa wird grandios werden.“(14) Gegen Zarismus und Preußentum wurde der polnische Aufstand unterstützt. Aufgrund des historischen Fazits, dass seit 1789 in Europa „alle revolutions (…) ihre Intensität und Lebensfähigkeit ziemlich sicher an ihrem Verhalten zu Polen messen“(15), waren sich Marx und Bakunin seit 1856 einig in der sozialrevolutionären Einschätzung dieser Bewegung um das Existenzrecht auf einen bürgerlichen Nationalstaat gegen seine Vernichter Russland, Preußen und Frankreich. Die fortgesetzte Erhebung in Polen sei „gescheitert an zwei Dingen: am Einfluss von Bonaparte [=Napoleon III.] und zweitens am Zögern der polnischen Aristokratie, von Anfang an Bauernsozialismus offen und unzweideutig zu proklamieren.“(16) Später fasste Marx sogar den Stellenwert des polnischen Kampfes um das Existenzrecht eines eigenen Staates in Hinblick auf die proletarische Weltrevolution so zusammen: „es ist das einzige europäische Volk, welches als kosmopolitischer Soldat der Revolution gekämpft hat und kämpft.“(17) Aber, nicht minder, auch gegen die reaktionäre Kolonialpolitik Englands werden zugleich die Aufstände in Indien und die Fenian-Bewegung für Irland von der 1.Internationalen massiv verteidigt und unterstützt.

Burgfrieden und Kriegssozialismus

Bis zum 1. Weltkrieg rückten die USA, England und Frankreich sowie als Spätkömmling vor allem das preußische Deutsche Reich in eine – für die kapitalistische Ära in bisher ungekanntem Ausmaß militaristische, direkt-kriegstreibende – imperialistische Konstellation des Kampfes um die Neuaufteilung des Weltmarkts einschließlich der Kolonien ein. Es war eine Periode der Aufrüstung und Kriegskonkurrenz, für welche einfach nur, ohne irgendwelche bürgerlich-demokratischen Nebenprodukte, die ArbeiterInnen und Bevölkerungen verheizt wurden. Zynischerweise geschah dies noch zusätzlich unter den Phrasen von Demokratie und Sozialismus auf Seiten der Republiken und aller mehrheitssozialdemokratischen Parteien der sozialchauvinistischen Vaterlandsverteidigung. Deren opportunistische, „verantwortungsethische“ (Max Weber) „Realpolitik“ endete 1914 im Zusammenbruch der 2. Internationalen. Damit gab es fürs Proletariat im Weltmaßstab dieses Weltkrieges nur noch einen direkten Hauptfeind: den im „eigenen“ Land, d.h. die jeweils herrschende Kriegspartei, die „eigene“ imperialistische Bourgeoisie und ihre völkischen willigen Vollstrecker. Letztere traten gegenüber dem proletarischen Staatsvolk durchaus auch weiterhin als Linke, als sozialdemokratische Verteidiger des Burgfriedens, der „Arbeitsgemeinschaft“ mit den „eigenen“ herrschenden Kriegführenden und des marxistischen „Zentrismus“ auf, bevor sie 1918/19 sich flugs ebenfalls an die Spitze der proletarischen Bewegung (der Arbeiter- und Soldatenräte) setzten, deren revolutionären Teil sie Hand in Hand mit den offen völkisch-antisemitischen Staatsformationen sodann in Blut erstickten, um damit den Boden für das künftige volksgemeinschaftliche Bild einer konformistischen Revolution zu bereiten: der Gesellschaft des Spektakels in konzentrierter, antibürgerlich-antikommunistischer Repräsentation.(18)

Konzentriertes Spektakel in der Epoche des reellen Gesamtkapitalisten

Solange nach dem Krieg in der jungen, staatskapitalistischen Sowjetunion sich die Konterrevolution nicht eindeutig und endgültig durchgesetzt hatte,(19) d.h. bis Ende der 1920er, solange war für die communistischen Segmente des Weltproletariats eine gewisse kritische Parteinahme für das staatssozialistisch sich legitimierende, isolierte Laboratorium Sowjetunion – an ihrem Anspruch zu messen – sicher noch geboten als Bezugs- und Streitpunkt der weltkommunistischen Bewegung(en) – vor allem auch der nachholend bürgerlich-demokratischen antiimperialistischen Revolutionen in kolonialisierten Regionen. So fungierte die Dritte, „Kommunistische“ Internationale jedenfalls ambivalent als internationaler Kader. Die ab 1921 sich sukzessive durchsetzende stalinistische Konterrevolution wurde indes von der sich gleichzeitig formierenden faschistischen Konterrevolution bis zur NS-Machtergreifung stürmisch in der Qualität wie später auch in der Quantität antidemokratischer Modernisierungs-Barbarei überholt. Gegenüber dem sich vorbereitenden und regional bereits beginnenden faschistischen Vernichtungskrieg schon in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts(20) erforderte die revolutionär-proletarische Unterstützung der sich (nicht von selbst!) herausbildenden Anti-Hitler-Koalition sowie der Anti-Tennô-Front: gegen die Achsenmächte zusammen zu kämpfen mit den Streitkräften der kapitalistischen, imperialistischen Republiken, rettende Parteinahme für alle Opfer der faschistisch-nationalsozialistischen Aggression – letzten Endes für die bürgerlichen Errungenschaften der menschlichen Kultur und Zivilisation, ja für die Gattung an und für sich, Rettung aller dieser historischen Standards(21), die von der faschistischen und nazistischen Barbarei historisch frontal und für immer in der Substanz bedroht wurden in einem Vernichtungswerk, das in der Shoah schon mit aller Macht begonnen wurde. Diesen ganzen Zivilisationsbruch aufzuhalten war existenzielle Bedingung dafür, jemals noch zur communistischen Revolution übergehen zu können. Das musste aber keineswegs heißen, blind die stalinistische Volksfrontpolitik zu unterstützen, die nach außen den Stalin-Hitler-Pakt und nach innen den Bourgeoisiepakt vorbereitete und diesen für die Zeit nach dem Existenzkampf der Sowjetunion auch noch offen halten sollte. Ebenso wenig wie Lenin 1917/18 auf einen Agenten Deutschlands zu reduzieren war, ebenso falsch wäre die Gleichsetzung des kommunistischen und proletarischen antifaschistischen Kampfes mit der stalinistischen Volksfront der dreißiger Jahre. Der Antifaschismus ist eben nicht „das schlimmste Produkt des Faschismus“, wie etwa Bordiga und mit ihm ein bestimmtes Erbe des Linkskommunismus will, sondern genau umgekehrt: die conditio sine qua non communistischer Revolution. Daran ist die bodenlose Verfehlung auf linkskommunistischer Seite zu ermessen, wo nicht nur in leerer Abstraktion die qualitative Gleichheit der bürgerlichen Demokratie und Zivilisation mit der faschistischen Barbarei und dem Nationalsozialismus behauptet wird und – in einem unhistorischen Analogieschluss zum Ersten Weltkrieg – das Postulat von kategorischer Nichtparteinahme und „revolutionärem Defätismus“ des Proletariats auch im antifaschistischen Zweiten Weltkrieg hochgehalten wird, sondern folgerichtig – und nicht zuletzt auch ethisch indiskutabel – in die Bagatellisierung, Relativierung und teilweise sogar Leugnung von Zivilisationsbruch und Singularität des deutschen NS geschlittert wird.
Angesichts der negativen Tatsache, dass die mehr denn je notwendige Überführung der permanenten Revolution auf die global communistische Ebene nirgendwo nach 1945 geschafft wurde, sondern in erneuten Volksfront/-Volksdemokratie- und Staatssozialismus-Regimes nationalistisch und antisemitisch für Jahrzehnte abgewürgt wurde, war der erkämpfte Staat Israel das einzige positive Resultat aus dem gerade noch mal durchgestandenen Ringen zwischen einerseits kapitalistischer Demokratie und proletarischem Sozialismus und andererseits nationalsozialistisch-kapitalistischer Barbarei. Israel, als bürgerliche Spätgeburt einerseits (mit sowohl vordemokratisch-vorsäkularen Muttermalen als auch kibbuzim-sozialistischen Keimformen) und andererseits als einzige entscheidende materiell-konkrete Notwehr- und Schutzmacht der weltweit als Juden stigmatisierten, bedrohten und dem Zugriff der antisemitischen Vernichtungsmaschinerie des deutschen Reiches entkommenen Menschen, als endlich bewaffneter „Jude unter den Staaten“ der bürgerlich-kapitalistischen Staatenwelt, solange diese immer noch existiert und Antisemitismus hervorbringt, duldet, schützt und ausrüstet.

“Die Deutschen haben die Welt nicht zu unterwerfen vermocht, sie durchfaulen sie jetzt.“ (Jean Améry)

Die post-nationalsozialistische Ära, in welche die Klassenkämpfe nach dem knappen Sieg über das Deutsche Reich und die faschistische Achse, dem Aufdecken der Shoah und ab der Gründung des Staates Israel übergegangen sind, hat mit dem Ende der spektakulären Arbeitsteilung zwischen kapitalistischer „Freier Welt“ und „realsozialistischem Lager“ noch sprunghafter die Widersprüche im Weltmarktmaßstab bis zur Kenntlichkeit der Lineamente (Clausewitz) eines offenen und versteckten Weltbürgerkriegs verschärft. Nie ist die Alternative von Communismus oder Barbarei dringlicher, nie aber auch verwirrter gewesen.
Wurde in der vierzigjährigen Blockkonfrontation zunächst die konterrevolutionäre Arbeitsteilung zwischen dem „Diffusen Spektakel“ des westlichen consumer capitalism auf der einen Seite und dem „Konzentrierten Spektakel“ des östlichen bürokratischen Kapitalismus auf der anderen als verlogenes Weltbild der Systemalternative konsolidiert, führte dies zur weitestgehenden Zerstörung und Zerstreuung der Elemente einer Klasse des Bewusstseins auf theoriepraktischer und organisatorischer Ebene.(22) Die am universitären Gängelband laufende Linke ist das Surrogat dieser atomisierten, in die historische Stummheit der Gattung zurückgeworfenen Proletarität.
Guy Debord beschrieb den seit dem unrühmlichen Ende der revolutionären proletarischen Anläufe um den Mai 1968 in Frankreich und der 1969–1977er-Bewegung in Italien neu herausgebildeten kapitalistischen Totalitarismus als das „Integrierte Spektakuläre“; diese Kennzeichnung hat sich seit dem Ende der Blockdualität 1990 weitgehend bestätigt. Deutschland, das mit der Shoah endgültig sein Existenzrecht als manifester Staat und latentes Reichsprojekt verwirkt hat, trumpft infolge des Ausbleibens der fälligen Revolutionierung der Welt nach 1945 heute mächtiger und hinterhältiger denn je als Modell sozialer kapitalistischer Weltmilitärmacht und als zukünftige Kerneuropa-Supermacht gegen die USA strategisch auf. Sichtbar geworden ist die gezielte staatliche Neuformierung der post-nationalsozialistischen Volksgemeinschaft unter anderem als innere Mobilmachung in der Kampagnenkette „Du bist Deutschland“, kulminierend in dem WM-Spektakel 2006. Unübersehbar wird seit dem Überfall auf Jugoslawien die militärische Umtriebigkeit der BRD als internationale „Schutzmacht“ und die dosierte äußere Mobilmachung des Staatsvolks.

Weltmeisterschaft im spektakulären Antikapitalismus

Der modernste Antisemitismus, als letzte geschlossene Weltanschauung sozialpsychologische Fetischgestalt zugleich antikapitalistischer und anticommunistischer „Alltagsreligion“, tritt zugespitzt als eliminatorischer Antizionismus auf und hat sich im Weltmaßstab auf der Basis islamistischen Massenwahns neu aufgeladen – was an dieser Stelle allein schon hinreichend belegbar ist durch Hinweis auf die aktuelle Auflagenhöhe, Rezeptionsbreite und Wirkungsmächtigkeit von Buch und TV-Film Die Protokolle der Weisen von Zion besonders in den Regionen, wo der Islam als „Leitkultur“ herrscht.
Was die EU-Region betrifft, hat sich der Antisemitismus in Gestalt des vulgären Antiamerikanismus endgültig manifestiert in den europaweiten Demonstrationen und Massenaktionen zu Beginn des Irakkriegs 2003.(23) Mobilisiert wird diese Strömung von der politischen Klasse der Rechten wie der Linken gegen die Projektionsfigur „USrael“ in dem sich entfaltenden Weltbürgerkrieg, der seit den 1990er Jahren seinen Ausdruck fand in der Proklamation einer „New World Order“ durch die US-Regierung einerseits, des Djihad durch die umma-völkischen Regimes und kalifatistischen bewaffneten Formationen andererseits und in der geopolitischen Konstruktion einer „Eurasischen Achse“ ausgehend vom deutschen Kerneuropa-Reichsprojekt, das die „Völkergemeinschaft“ mehr und mehr – ökonomisch und diplomatisch, aber auch schon militärisch – in eine Fronde gegen die USA mit dem klaren Ziel des nächsten Griffs nach der Weltmacht zu bringen versucht. Es wäre auch das erste Mal in der Weltgeschichte, dass der Konkurrenzkampf um die Neuaufteilung der Weltmarktökonomie zwischen den Hauptgruppen der „feindlichen Brüderschaft der Kapitalisten“ (Marx) nicht im Waffengang enden würde.

Dies nüchtern vor Augen, kann es auch heutzutage den communistischen Elementen im globalen Proletariat nur um das Herausarbeiten einer Klasse des Bewusstseins in der kosmopolitischen Praxis der Selbstorganisierung eigenständiger Theoriebildung und Aktion gehen, die die Umwandlung dieses Weltbürgerkrieges in den Übergang zur Durchsetzung communistischer Produktion und Verteilung herbeiführen kann. Die erste Bedingung dafür ist die bewusste Allianz – egal wie gering und medial beschränkt die Mittel der Proletarisierten sind oder wie neuartig treffsicher sie entwickelt werden können – mit allen bürgerlich-zivilisatorischen Elementen, die gegen die sich zusammenbrauende Barbarei des Antisemitismus in allen seinen Gestalten kämpfen. Dass aktuelle Zuspitzungen der Gefahr für Israel auf diesem heißen Boden, wie jetzt die Appeasementpolitik der EU angesichts der drohenden Entfaltung des nuklearen Potentials des antisemitischen Vernichtungsvorpostens Iran, direkt und vorbehaltlos von allen CommunistInnen benannt und bekämpft werden müssen, dass das zerstreute und in Alb- und Wunschträumen versunkene Proletariat überall auf der Welt alarmiert werden muss über die Gefahr, die seinen elementarsten Kampfbedingungen von der antisemitischen Weltanschauungsfronde her droht, bedarf hier weiter keiner positivistischen Evidenz, wenn die Parteinahme historisch-logisch stimmig begründet ist.
Es geht communistischer Realpolitik bei keiner Sache um automatisch gefolgerte „Befürwortung des Gegenteils“, um keine formal-binäre Logik des „wenn nicht das eine, dann (auch nicht) das andere“, „entweder oder!“, „alles oder nichts!“. Auch der Staat Israel ist Staat, keineswegs wesensmäßig vollständiges Gegenteil von bürgerlichem Staat, zugleich ist er wenigstens „der Jude unter den Staaten“ und bisher einziger bewaffneter Schutz der Judenheit in Raum und Zeit gegen einen Ozean von antisemitischem Vernichtungsdrang, solange es Kapital und Staaten gibt. Das ist in seiner ganzen Widersprüchlichkeit seine historische und aktuelle Besonderheit, sein übergreifendes Moment. Er ist deshalb natürlicher Verbündeter für die wissenschaftlich-communistische Aufhebungsbewegung der bürgerlich-kapitalistischen Zivilisationsbarbarei. Übrigens ist die historische Analogie von religiösem und „säkularisiertem Messianismus“ (Walter Benjamin(24)) augenfällig: Schon Marx hat das sich selbst aufhebende Proletariat mit dem Aufbruch der Juden aus dem Pharaonenreich auf der Suche nach dem „Gelobten Land“ verglichen.
Damit erscheint wieder das Leitmotiv aktueller revolutionärer Realpolitik, die gegenwärtige Versprengung der communistischen Elemente und der Klasse der Negation. Ihr Zusammenlesen, die Vermittlungsarbeit aller dieser enfants perdus zur kosmopolitischen Intervention steht jetzt wieder am Anfang communistischer Anti-Politik „der destruktiven Partei“(25) wie am unwiderruflichen Ende aller „linken Politik“, die sich in der Mobilisierung einer Klientel für den „radikalen“ Reformismus, in der altbekannten Pseudopraxis leergelaufen hat. Dem opportunistischen Unmittelbarismus dieser „Realpolitik“ und seinen akademischen Legitimationstheorien ist die selbsttätig assoziierte Arbeit an den Vermittlungen zum globalen Umsturz der Macht- und Eigentumsverhältnisse entgegengesetzt: revolutionäre Realpolitik – nicht „gegen die Realität“, sondern als bewusste, realistische Aufhebung aller Politik im Medium des „vollstreckbaren Dialogs“(26) der Proletarisierten.
Die Kategorie Proletariat selbst ist – situationistisch begriffen – nicht mehr und nicht weniger als ein permanent sich bewegender und neu aufzufindender Ort der Auseinandersetzung. Diesen prozessierenden Ort („dort, wo sich der Dialog bewaffnet hat“(27)) gilt es unbeirrbar in der assoziierten Veränderung des Alltagslebens herzustellen. Die Realitätsprüfung in dieser permanenten Revolution schließt die überlebensnotwendigen Allianzen mit den konfligierend-koexistierenden bürgerlichen Klassensegmenten und ihren politischen Machtapparaten, Institutionen etc., wo diese gegen zivilisationsfeindliche Barbarei kämpfen, nicht aus, sondern ein. Opportunismus beginnt erst da, wo die theoretische und praktische Autonomie der communistischen Selbstorganisierung preisgegeben wird.
“Es ist richtig, die Schwierigkeit und das Ausmaß der Aufgaben einer Revolution anzuerkennen, die eine klassenlose Gesellschaft errichten und auch erhalten will. Sie kann unschwer überall dort beginnen, wo autonome proletarische Versammlungen, die außerhalb ihrer selbst keinerlei Autorität und niemandes Besitz anerkennen und ihren Willen über alle Gesetze und Spezialisierungen stellen, die Trennung der Individuen, die Warenwirtschaft und den Staat abschaffen werden. Die Revolution wird jedoch nur triumphieren, wenn sie sich weltweit durchsetzt, ohne irgendeiner noch bestehenden Form von entfremdeter Gesellschaft auch nur den kleinsten Raum zu überlassen. […] Wer vermag an einen Ausgang zu glauben, der weniger radikal realistisch wäre?“(28)

Anmerkungen

(1) Allegorie: zwei dunkle Entsprechungen sollen sich wechselseitig enträtseln, was nie gelingt. Georg Lukács, Die Eigenart des Ästhetischen. Bd. 2. Berlin und Weimar 1981, 696–742.

(2) Karl Marx, Marx-Engels-Werke (MEW) 1, 402–409.

(3) Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution. GW 1/1: 367–466.

(4) Antonio Gramsci, Gefängnishefte 13:1-40 in: Kritische Gesamtausg. Bd 7, Hamburg, Berlin 1996.

(5) Georg Lukács, Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins, Bd.2. Werke (GLW)14. 1986, 432-457. Gegen Max Weber: vgl. ebd., 624.

(6) Vgl. ebd., 432f, 446f, 450–457.

(7) Vgl. ebd., 433.

(8) Georg Lukács, Lenin – Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken. 1924 ( mit Nachwort 1967), 69ff.

(9) Revue „internationale situationniste“ (dt.) N° 9/Aug.1964, Der Fragebogen. Mittlerweile sind die 12 Ausgaben der Zeitschrift der Situationistischen Internationale sowohl als Printausgabe als auch in digitaler Form unter wieder zugänglich.

(10) Wer die „28 Thesen zur Klassengesellschaft“ der Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft in ihrer Zeitschrift KOSMOPROLET wahrgenommen hat, wird im Folgenden die gelegentliche, meist implizit kritische Bezugnahme auf diese nicht übersehen können.

(11) Marx, MEW 7, 247f.

(12) Marx, MEW 17, 545ff.

(13) Bonapartismus, hier: Napoeon III.: extrem konterrevolutionäres Regime gegen demokratische und communistische Revolution in Frankreich ab 1850, zusammengebrochen 1871.

(14) Marx, MEW 30, 6. Was sich in Gestalt des Krieges 1870/71 dann mit der Pariser Commune anders als gedacht, aber durchaus erfüllte.

(15) Marx, MEW 29, 88.

(16) Marx, MEW 31, 16.

(17) Marx, MEW 18, 574. Revolutionär_innen aus Polen kämpften zu jener Zeit auf allen revolutionären Kriegsschauplätzen in Europa.

(18) Für mehr oder weniger kolonisierte Bevölkerungen wie in China stellte sich diese proletarische Parteinahme etwas komplizierter vermittelt.

(19) Die Herausbildung des späteren Stalinismus wird unter Lenins und Trotskys „selbstgemachtem Thermidor“ Anfang 1921 mit Abschlachten des Kronstadt-Sowjets und anderer sozialer Emanzipationsbewegungen schon markiert. Ab Anfang 1921 hatte Lenin offen den „Staatskapitalismus“ unter dem KP-Regime proklamiert.

(20) Zu nennen sind hier v.a.: Japan gegen China, Italien in Nordafrika, gemeinsame Konterrevolution gegen die bürgerlich-demokratische und proletarisch-anarchocommunistische Revolution in Spanien.

(21) Dieser Standard wird historisch markiert durch Daten wie 1776, 1789–94, 1864, 1917/18: Signum für Menschenrechtsdeklaration, Abschaffung der offenen Sklaverei, proletarische Räterevolutionen etc. Bekanntlich erklärte Goebbels nach der NS-Machtergreifung: „Wir werden das Jahr 1789 aus der Geschichte ausradieren!“

(22) „Zwar waren die Bedingungen überall noch nie so gravierend revolutionär, doch sind dieser Ansicht nur die Regierungen. So gänzlich ist die Negation ihres Denkens beraubt worden, dass sie seit langem versprengt ist.“, so Guy Debord in: Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin 1996, S. 275.

(23) Die bekannte, seriös erstellte Wiener Studie, die von der EU-Administration damals zuerst in Auftrag gegeben, dann angesichts ihrer frappierenden Ergebnisse an der Veröffentlichung behindert wurde, hat die Quantität und Qualität dieses mächtig anwachsenden offenen Antisemitismus in ganz Europa nachgewiesen.

(24) Walter Benjamin, Notizen zu: Über den Begriff der Geschichte, Gesammelte Schriften Bd.I, 3, 123.

(25) Marx, MEW 2, 37.

(26) Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels. These 179. Berlin 1996, 153.

(27) Ebd., 187.

(28) Ebd 303ff.

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