Materialien für eine historisch-materialistische Kritik des Islam I

[Es handelt sich hier um zwei Auszüge aus dem Buch „Die Religion in der Geschichte der Völker“ (Pahl-Rugenstein Verlag 1978) des sowjetischen Religionswissenschaftlers Sergei Alexandrowitsch Tokarew. Mehr über die vom Anspruch her wissenschaftlich-kommunistische Erforschung des Islam in der frühen Sowjetunion kann man hier nachlesen: http://en.wikipedia.org/wiki/Soviet_Orientalist_studies_in_Islam ]

„In Arabien lebten von jeher semitische Stämme, die Vorfahren der heutigen Araber. Manche dieser Stämme hatten sich in Oasen und in Städten angesiedelt, wo sie Ackerbau, Gewerbe und Handel betrieben, während andere in den Steppen und Wüsten nomadisierten und hier Kamele, Pferde, Schafe und Ziegen züchteten. Wirtschaftlich und kulturelle war Arabien mit den Nachbarländern Mesopotamien, Syrien, Palästina, Ägypten und Äthiopien verbunden. Die Handelswege zwischen diesen Ländern verliefen durch Arabien. Ein wichtiger Knotenpunkt der Handelsstraßen war die Oasenstadt Mekka, nicht weit von der Küste des roten Meeres. Die Sippenaristokratie des hier lebenden Stammes Kuraisch zog aus dem Handel hohe Profite. In Mekka befand sich auch das religiöse Zentrum aller Araber, die Kaaba, in der die heiligen Bildwerke und die Kulturutensilien der verschiedenen Araberstämme aufbewahrt wurden.


In Arabien gab es auch Siedlungen von Ausländern, darunter jüdische und christliche Gemeinden. Menschen verschiedener Sprachen und Religionen verkehrten hier miteinander, und ihre Glaubensvorstellungen beeinflussten sich gegenseitig.
Im 6. Jahrhundert begann in Arabien der Niedergang des Karawanenhandels, da sich die Handelsverbindung nach Osten in das Sassanidenreich verlagerten. Hierdurch wurde das seit Jahrhunderten bestehende wirtschaftliche Gleichgewicht gestört. Die Nomanden, die ihre Einnahmen aus den Karawanenhandel verloren hatten, neigten nun mehr und mehr zu einer seßhaften Lebensweise und gingen zum Ackerbau über. Die Landnot verschärfte sich, und die Zusammenstöße zwischen den Stämmen wurden heftiger. Es macht sich das Bedürfnis nach Zusammenschluß bemerkbar. Dies fand bald auch in der Ideologie seinen Niederschlag. Es entstand eine Bewegung für die Verschmelzung der Stammeskulte, für die Verehrung des einzigen obersten Gottes Allah, zumal die Juden und teilweise auch die Christen den Arabern in der Frage des Monotheismus ein Vorbild waren. Unter den Arabern entstand die Sekte der Chanifen, die nur einen Gott verehrten.

So lagen die Dinge, als Mohammed seine Tätigkeit als Prediger begann, die den gesellschaftlichen Bedürfnissen völlig entsprach. Eigentlich enthielt seine Predigt im Vergleich zu den religiösen Lehren der Juden, Christen und Chanifen fast nichts Neues; er forderte vor allem die ausschließliche Verehrung Allahs und die bedingungslose Unterwerfung unter den Willen Allahs.“ (S. 681/682)

„In der sowjetischen Literatur ist über das Problem der sozialen Basis und der sozialen Wurzeln des frühen Islam gestritten worden. Manche Forscher, wie Asfendiarow, haben die Ansicht vertreten, es habe sich hier um eine Bewegung der nomadisierende Beduinen gegen die Städte und die Handelsaristokratie, also im Grunde um eine Bewegung für die Gewinnung von Land gehandelt. Andere, wie Tomara, haben die Vermutung geäußert, die eigentliche soziale Basis der Bewegung Mohammeds seien die armen Bauern von Medina gewesen, und die Nomaden, die sich der Bewegung anschlossen, hätten dann später ihren militärischen Kern gebildet. Wieder andere, wie J. A. Beljajew, haben behauptet, der frühe Islam sei eine Bewegung der mittleren und kleinen Kaufleute gegen die Übermacht der Handelsaristokratie von Mekka gewesen. Der Wahrheit am nächsten kommt wohl die Ansicht, daß im frühen Islam die Bewegungen verschiedener sozialen Schichten der arabischen Bevölkerung miteinander verschmolzen sind. Friedrich Engels hat einmal geäußert, der Islam sei eine einerseits auf handel- und gewerbetreibende Städter, andererseits auf nomadisierende Beduinen zugeschnittene Religion. Richtig bemerkt N. A. Smirnow, daß sich in der frühmohammedanischen Bewegung die Interessen und Bestrebungen der unter der Wirtschaftskrise leidenden und später den militärischen Kern des Islam bildenden Nomadenstämme, der Städter, aus denen sich die ersten Anhänger Mohammeds rekrutieren, und der an der Spitze stehenden Kaufleute gewissermaßen zu einem ganze verbunden habe.“ (S. 683/684)

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