Einige Überlegungen zur gemeinsamen Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff

[gespiegelt von: http://www.parteimarx.org/ ]
Anfang Juli 2015 trafen sich mehrere mit der parteiMarx korrespondierende Blogger in Weimar, um Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit zu erkunden. Als Diskussionsgrundlage war das unten wiedergegebene Papier eingereicht worden, das im Ergebnis der Debatte nun auf den Web Sites der Diskussionsteilnehmer gepostet worden ist.

Die gemeinsame Veröffentlichung dieses Papiers ist der erste Schritt zur weiteren konkreten Zusammenarbeit. Es wird auch überlegt, eine Mailing Liste einzurichten, über die Papers und Infos herumgeschickt werden können. Ein solches elektronisches Hilfsmittel macht allerdings nur dann Sinn, wenn der angestrebte Austausch auf ein konkretes Ziel hin erfolgen soll. Als Zielbestimmung wird, in Anlehnung an das 1846 von Marx, Engels u.a. in Brüssel gegründete Kommunistische Korrespondenz Komitee, die Einrichtung eines Kommunistischen Korrespondenz Blogs vorgeschlagen.

Der Kommunistische Korrespondenz Blog wendet sich an die unmittelbaren Produzenten des Weltproletariats, die in Deutschland zwar keine revolutionäre Klasse mehr bilden, die aber in näherer Zukunft vielleicht eine wichtige Rolle innerhalb des internationalen Proletariats spielen werden. Eine Avantgarde, wie im 19. Jahrhundert die französische und deutsche und im 20. Jahrhundert die russische Arbeiterklasse, ist jedoch auch außerhalb Deutschlands nirgendwo zu erblicken. Die nach dem ‚Zivilisationsbruch‘ Ende der 80er Jahre (d.h. dem Bruch der Völker Osteuropas mit dem großrussischen Sozialimperialismus) heute noch aktiven Reste ‚traditionalistischer‘ KPs sind schlichtweg zu Organen russisch-chinesischer anti-westlicher Außenpolitik degeneriert, mit denen die ‚eurokommunistische‘ Linke (Syriza, Podemos, Corbyn‘s Old Labour und die sozialdemokratische Fraktion Der Linken) zwar kollaborieren, aber nicht in jedem Fall (siehe Abspaltung der Drachme-Fraktion von Syriza) auch kooperieren wird.

Angesichts der seit 2007 herrschenden Weltwirtschaftskrise befindet sich die Weltbourgeoisie auf der Suche nach einem (nationalen oder realen) »Bourgeoissozialismus« (siehe Manifest der Kommunistischen Partei), der den Wunsch eines Teils der Bourgeoisie verkörpert, »den sozialen Mißständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern«. Dazu gehören, vor 160 Jahren nicht weniger als heute, »Ökonomisten, Philanthropen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigsten Art«; hinzugekommen sind nun auch die Marxisten, die die bürgerliche Gesellschaft vor dem Mahlstrom dieser Krise retten wollen. (In der marxistischen Zeitschrift PROKLA (175,176) besetzt man reumütig wieder Begriffe wie Proletariat oder Klassenkampf mit einer positiven Konnotation).

Da das Projekt eines Kommunistischen Korrespondenz Blogs heute unmittelbar mit dem Marxismus konfrontiert ist, besteht seine Hauptaufgabe darin, den Klassenkampf des 21. Jahrhunderts gegen den Marxismus als dem modernsten Ausdruck des Bourgeoissozialismus auf seinen Begriff zu bringen, den politischen Begriff der Marxschen Partei.

1
Unsere künftige gemeinsame Arbeit sollte in Stil und Umfang der Kooperation der verblichenen Marx-Gesellschaft ähneln, sich von dieser aber grundsätzlich darin unterscheiden, daß sie den dort üblich gewesenen allseits gehüteten akademischen Konsens politisch durchbricht.

2
Sie sollte theoretischer Natur sein, ohne akademisch zu werden. Theoretisch in einem von vornherein politisch sich einmischenden Sinn, also in etwa das beinhalten, was der Marx-Gesellschaft grundsätzlich abging (abgehen mußte?).

3
Sie sollte dem Klassenkampf ein theoretisches Forum verschaffen, ohne in die Stereotypen der Pseudo-Klassenkämpfer zu verfallen und es ermöglichen, daß alle Beteiligten daraus ihre eigenen wenn möglich gemeinsamen politischen Schlußfolgerungen ziehen können, ohne dabei die üblichen und altbekannten Kampagnen-Mechanismen zu übernehmen oder diese sich aufdrängen zu lassen.

4
Ein theoretisches Forum des Klassenkampfes ist im Gegensatz zu akademischen Foren ein von vornherein politisches Forum, dessen politische essentials sich im Zuge der gemeinsamen Praxis und der weiteren Arbeit am Begriff des Klassenkampfes herauskristallisieren werden. Dieses Forum sollte an der Herausarbeitung seines Begriffs orientiert sein. und nicht an der wissenschaftlichen Profilierung von Personen. Und zwar auf Grundlage der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, der Analyse der Klassenkämpfe ihrer Zeit durch die Marxsche Partei und der Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung der Untersuchung der seitdem stattgefundenen Klassenkämpfe mit diesen Analysen.

5
Der akademische oder akademisch gewordene Marxismus hat sich bestenfalls als kaum mehr denn als Korrektiv zu den im Realen Sozialismus angeblich nicht richtig aufgefaßten und korrekt angewendeten Theorien des Marxismus (-Leninismus) verstanden. Sein Hauptfehler bestand darin, sich nicht selbst als den eigentlichen Fehler zu begreifen. Der heutige Marxismus ist eine Herrschaftswissenschaft, die sich nicht von anderen Herrschaftswissenschaften, seien es Philosophien, Religionen und Weltanschauungen, unterscheidet, die geschaffen wurden, um im Vorfeld der Klassenkämpfe Bourgeoisie und Proletariat politisch zu versöhnen und dieses in Sicherheit zu wiegen, solange wie jene nicht gezwungen ist, ihre eigne Sicherheit verteidigen und gewaltsam (wieder)herstellen zu müssen. Der Bruch mit dem Humanismus und der Aufklärung, die als Formen der Klassen-Philanthropie den Übergang zum Marxismus als neuer Herrschaftswissenschaft markieren, ist eine weitere Voraussetzung für die Arbeit am Begriff des Klassenkampfes, um diese Arbeit nicht selbst zur Hilfsarbeit für die neue Herrschaftswissenschaft degenerieren zu lassen.

6
Der heutige Marxismus ist bestrebt, die Klassenkämpfe der Vergangenheit im Lichte der von der marxistischen Herrschaftswissenschaft erleuchteten Interpretation dieser Ereignisse darzustellen und sie dadurch ihres revolutionären Inhalts zu berauben bzw. ihren konterrevolutionären Charakter zu verschleiern. Die Rekonstruktion der seit der Zeit von Marx und Engels stattgefundenen Klassenkämpfe erweist sich in Deutschland aber schon deshalb als besonders schwierig, weil hier für mehrere Jahrzehnte ein marxistischer und ein kapitalistischer Staat friedlich nebeneinander koexistiert haben und jede revolutionäre Bewegung von vornherein von bestimmten Formen und Denkweisen des Marxismus und den Auswirkungen seiner realsozialistischen Staats- und Gesellschaftsdoktrin auf den westlichen Marxismus durchtränkt war. So wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, der 2. Juni 1967 einerseits Ausgangspunkt einer neuen revolutionären Bewegung in Europa, er war aber von seiten der Stasi als Provokation zwecks Destabilisierung der ‚Frontstadt‘ West-Berlin zugleich mit dem Aufbau einer ‚revolutionär‘ getarnten ‚Untergrundbewegung‘ aus Kadern der SED verknüpft gewesen. Beide Momente in ihrer Wechselwirkung aufeinander und in ihrem historischen Kontext zu analysieren, wäre für einen heutigen Marxisten mit Sicherheit zu viel verlangt, weil dadurch der Charakter des Marxismus als moderner Herrschaftswissenschaft gesprengt werden müßte. Die Analyse des politischen Charakters der ‚Studentenbewegung‘ als revolutionäre Bewegung mit dem Ziel der Vollendung der niedergeschlagenen Revolution von 1848 und des Kampfes gegen den deutschen Faschismus als Testamentsvollstrecker und Vollender der Konterrevolution der preußischen Reaktion, ist im Sinne der von Marx und Engels analysierten Klassenkämpfe und nur dann möglich, wenn sie zugleich gegen den Marxismus als neuer Herrschaftswissenschaft und seine Interpretation dieser Ereignisse gerichtet ist.

7
Der heutige Marxismus leugnet die Eigenarten und Besonderheiten der revolutionären Bewegungen auf der Welt, mit denen er sich nur soweit solidarisch erklärt, wie diese den Weltherrschaftsbestrebungen des Neuen Zarentums und der anti-kapitalistischen Weltmächte nicht im Wege stehen. Ihre ‚Revolutionen‘ sollen den Neuen Bourgeoisien der Dritten Welt den Weg ebnen, um ihre eigenen Völker unterdrücken und sich der anti-kapitalistischen Front gegen ‚den Westen‘ anschließen zu können.

8
Die gegenwärtig stattfindende Weltwirtschaftskrise hat all diese Widersprüche und Konstellationen mächtig durcheinandergewirbelt. Die Arbeit am Klassenkampf und seinem Begriff ähnelt daher eher der Operation am offenen Herzen als einer Vorlesung über die Anatomie früherer Klassenkämpfe.

Erklärung zu den internationalen Solidaritätstagen für Alexander Koltschenko

[Vom 1. bis zum 7. April 2015 fanden die internationalen Solidaritätstage für den vom russischen Geheimdienst auf der Krim verschleppten Anarchisten Alexander Koltschenko statt. Siehe dazu: http://avtonomia.net/2015/03/09/doluchajtes-do-mizhnarodnih-dniv-solidarnosti-z-oleksandrom-kolchenko-join-international-solidarity-campaign-alexander-kolchenko/
Das hier dokumentierte Flugblatt gegen Russlands Krieg gegen die Ukraine wurde gestern auf einer Kundgebung vor dem russischen Konsulat in Leipzig verteilt.
Gespiegelt von: http://aakkp.blogsport.eu/2015/04/08/erklaerung-zu-den-internationalen-solidaritaetstagen-fuer-alexander-koltschenko/
Der Text auf Russisch: http://liberadio.noblogs.org/?p=1507 ]

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Eine Erwiderung auf: „Etwas über das Proletariat“

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[Da der russischen Übersetzung unseres Textes „Anleitung zum Kampf …“ eine kleine kritische Einleitung vorangestellt war, die auf einen Text des Genossen Jörg Finkenberger verwies, wollen wir hier an diesem Beitrag eine Kritik formulieren. Der genannte Autor behauptet zwar am Anfang seines Textes, dass er Debatten über das Proletariat leid sei; aber da er einen Beitrag über das Proletariat formuliert hat, hält er die Auseinandersetzung darüber wohl noch nicht für abgeschlossen. Überhaupt ist es schlechtester Apriorismus, das theoretische Handgemenge, schon bevor es begonnen hat, als nutzlos abzutun. Aber jetzt zur Sache.]

In dem Text wird neben denen, die sich in ihrer Vorstellung vom Proletariat verabschiedet haben, auch eine Art von Marx-Orthodoxie kritisiert. Die Zitate von Marx lassen sich heute nicht ohne weiteres einfach wiederholen, denn zwischen der Zeit, in der sie verfasst worden sind, und der, in der wir leben, hat sich nach der Shoa und der Volksgemeinschaft der Deutschen eine Kluft aufgetan. Aber auch auf einer allgemeineren Ebene ist gegen diese Orthodoxie zu argumentieren. Da die Umstände, unter denen ein Satz geschrieben wurde, sich ständig in Bewegung befinden, hat ein Satz – streng genommen – seinen Wahrheitsgehalt immer nur in einem bestimmten Moment. Ändern sich die Umstände, muss die konkrete Wahrheit eines Satzes neu ermittelt werden, was aber nicht heißt, dass sie dadurch als vernünftige Abstraktion automatisch hinfällig wäre. Walter Benjamin zog daraus die Schlussfolgerung, dass wir unsere Zitate (nicht nur von Texten, sondern der Geschichte überhaupt) kommentieren müssen. Guy Debord verwarf sogar das Zitat schlechthin als autoritär und setzte auf eine Technik der Entwendung, die die Sätze den neuen geschichtlichen Gegebenheiten durch entsprechende Berichtigungen anpasst. Wir müssen also fragen, ob der hier zu kritisierende Text diesem Anspruch einer Aktualisierung der Revolutionstheorie des Proletariats von Marx, auf die auch er sich mehr oder weniger stützt (die Verweise auf Marx belegen das), gerecht wird. Weiterlesen

Was von den Wobblies übrig geblieben ist – Von der Wirklichkeit des Klassenkampfs zur Spektakelfarce

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[Dieser Text entstand nach einer Veranstaltung über Streiks mit einem Referenten der IWW in der „Libelle“ in Leipzig am 5.12.2014, veranstaltet von der Anarchosyndikalistischen Jugend. Im ersten Teil wird kurz eingeführt, was die IWW war. Der zweite Teil enthält eine Polemik über die heutigen Wobblies, anhand der Kritik des auf der Veranstaltung gehaltenen Referats.]

I. Die „historische“ IWW

TheGreatTextileStrikeof1912

Die Arbeiter_innen müssen Klassenkampf führen – zuerst um den Missbrauch ihrer Arbeitskraft durch das Kapital zu beschränken, letztendlich um das Kapital und die Klassenunterschiede überhaupt aufzuheben. Darum haben sich die Industrial Workers of the World (IWW) in ihrer Zeit (von 1905 bis in die 20er Jahre) verdient gemacht, als sie bis zu 100.000 Mitglieder zählten und noch weit mehr in den Konflikt mit der besitzenden Klasse geführt haben. Als One Big Union hatte sie den Anspruch, auf lange Sicht die Arbeiter_innen aller Länder zu vereinigen, ohne Ansehen ihrer Nationalität oder konkreten Stellung in der kapitalistischen Arbeitsteilung (wie es etwa bei Spartengewerkschaften der Fall ist). In den USA organisierten sich in der IWW vor allem die mobilen Teile des Proletariats, die Hobos, Wanderarbeiter_innen und migrantische Arbeiter_innen, aber auch Frauen und Arbeitslose. Die Klassenkämpfe wurden mit großer Härte und Gewalt geführt; oft kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Streikenden und den angeheuerten Truppen der Kapitalseite. Die Geschichte dieser Kämpfe, die an Quantität und militanter Qualität wahrscheinlich die in Europa übertreffen, sind hier aber nur wenig bekannt. Wer weiß z.B., dass es 1919 in Seattle einen Arbeiterrat gegeben hat?

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Materialien für eine historisch-materialistische Kritik des Islam I

[Es handelt sich hier um zwei Auszüge aus dem Buch „Die Religion in der Geschichte der Völker“ (Pahl-Rugenstein Verlag 1978) des sowjetischen Religionswissenschaftlers Sergei Alexandrowitsch Tokarew. Mehr über die vom Anspruch her wissenschaftlich-kommunistische Erforschung des Islam in der frühen Sowjetunion kann man hier nachlesen: http://en.wikipedia.org/wiki/Soviet_Orientalist_studies_in_Islam ]

„In Arabien lebten von jeher semitische Stämme, die Vorfahren der heutigen Araber. Manche dieser Stämme hatten sich in Oasen und in Städten angesiedelt, wo sie Ackerbau, Gewerbe und Handel betrieben, während andere in den Steppen und Wüsten nomadisierten und hier Kamele, Pferde, Schafe und Ziegen züchteten. Wirtschaftlich und kulturelle war Arabien mit den Nachbarländern Mesopotamien, Syrien, Palästina, Ägypten und Äthiopien verbunden. Die Handelswege zwischen diesen Ländern verliefen durch Arabien. Ein wichtiger Knotenpunkt der Handelsstraßen war die Oasenstadt Mekka, nicht weit von der Küste des roten Meeres. Die Sippenaristokratie des hier lebenden Stammes Kuraisch zog aus dem Handel hohe Profite. In Mekka befand sich auch das religiöse Zentrum aller Araber, die Kaaba, in der die heiligen Bildwerke und die Kulturutensilien der verschiedenen Araberstämme aufbewahrt wurden.

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„Wie sollten sie also zugeben, dass das Haus schon in Flammen steht?“ – Über linken Attentismus

[Für die „Puristen der Arbeiteruntätigkeit“ stellen wir hier einen Brief von Guy Debord an André Frankin vom 8. August 1958 online. Am 13. Mai desselben Jahres putschten rechte Militärs in der damaligen französischen Kolonie Algerien gegen die Regierung in Paris, von der sie Zugeständnisse an die anti-kolonialen Kräfte befürchteten. Der Putsch führte schließlich zum Zusammenbruch der 4. Republik und zur Errichtung eines autoritären Präsidialregime unter der Ägide von Charles De Gaulles. Angesichts der Mobilisierung der rechten Parteien und der fatalen Passivität großer Teile des Proletariats hätte in diesem Moment der Gefahr aber noch viel mehr auf dem Spiel stehen können. Mehr zu den Ereignissen: http://www.si-revue.de/ein-b%C3%BCrgerkrieg-in-frankreich
In seinem Brief beschreibt Guy Debord, wie die Linkskommunisten von
Socialisme ou Barbarie, um der Erhaltung der reinen Prinzipien willen, die Arbeit eines antifaschistischen Komitees blockieren.
Der Text findet sich in dem Buch Guy Debord,
Ausgewählte Briefe, Berlin 2011, S. 14f.]

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Wider die Todesapologie!

[Dieses Flugblatt wurde auf der „Demonstration gegen ISIS und für Kobane“ am 11. Oktober in Düsseldorf verteilt.]

Der Dschihad des sogenannten „Islamischen Staates“ in Syrien und Iraq geht weiter.

Endgültig kenntlich geworden ist seit dem Anti-Israel-Sommer dieses Jahres der das Spektakel des „clash of cultures“ übergreifende, wirkliche Zusammenhang von welthistorischer Konterrevolution gegen jede Form bürgerlicher, anarchistischer oder communistischer Aufklärung und Emanzipation einerseits und dem barbarischsten modernen Antisemitismus andererseits: die Internationale der antisemitischen Konter-Revolution. Seit der Entstehung des deutschen Nationalsozialismus und der islamischen Revolution ist die Konterrevolution und der Antisemitismus bzw. Antizionismus als Kehrseite derselben Medaille kenntlich geworden: allein schon die Bilder und Klischees, Stereotypen des alten NS-Antisemitismus, die wieder bemüht werden, dürften das vielen endlich klar gezeigt haben. Es sind die Schlüsselreize der modernen Weltanschauung des Opfers und des Todes für einen völkisch-antikapitalistischen, gemeinschafts-gläubigen Unterwerfungswahn mit demselben höheren Zweck: „Opfer und Tod“. Bei der Offensive der europäischen Faschisten ausgehend von Spanien vor fast 70 Jahren hieß es „Viva la Muerte!“ („Es lebe der Tod!“). Die Anweisung heute aus dem Munde des „Kalif“ Bagdadi lautet: „Tötet und strebt nach dem Tode!“

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Kritik der Politik und revolutionäre Realpolitik

[Dieser Text des Autorenkollektivs Biene Baumeister Zwi Negator wurde 2008 in der Ausgabe 28 der Zeitschrift Phase 2 veröffentlicht. Da er schon seit längerer Zeit nicht mehr im Internet verfügbar ist, machen wir ihn hier wieder zugänglich.]

Für die so genannten AktivistInnen der Gegenwart scheint sich nichts auf der Welt so sehr von selbst zu verstehen wie „linke Politik“, und sogar die Phrase „für den Kommunismus“ wird mit der Allerweltsformel „radikale Linke“ in eins gesetzt. Anstatt lediglich zwei Leerformeln zu einer erneuten allegorischen(1) Deutung dessen zu bringen, was „Demokratie“ sei und wie diese mittels besinnungsloser „linksradikaler Bewegung“ endlich zu „verwirklichen“ sei und sowas wie Sozialismus gleich mit, hat dagegen von Marx bis über die Situatonist_innen noch jede historisch-materialistische Kritik von Politik, Recht und Staatlichkeit deren radikale Aufhebung zur conditio sine qua non eines konkreten Übergangs zu communistischer Produktion und Verteilung erklärt(2), ohne zugleich der traditions-anarchistischen Politikabstinenz willfährig zu sein. Vielmehr geht das endlich fällige Schlachten der Heiligen Kuh „radikale Linke“ mit einer defetischisierenden Praxis im Handgemenge der politischen Sphäre selbst einher, und sei es nur erst in der polemischen Form von Ideologiekritik und revolutionierender Alltagskritik. Denn wenn wissenschaftliche KommunistInnen von Rosa Luxemburg(3) über Gramsci(4) bis zum reifen Lukács(5) in ihrem Kampf gegen die sozialdemokratischen und stalinistischen „Realpolitiker“ immer den Charakter der „Politik als Lebenssphäre“(6) herausgearbeitet haben, dann deshalb, weil die politische Sphäre wie keine andere Trennung im gesellschaftlichen Sein das ganze kapitalistische Alltagsleben durchdringt, so dass kein Mensch sich diesem permanenten Handgemenge der Klassenmachtverhältnisse entziehen, sich unpolitisch aus ihm heraushalten kann. Die Aufhebung dieser getrennten Sphäre der bürgerlichen Öffentlichkeit (des homme citoyen), welche das Privatleben (des homme bourgeois) gleichwohl ubiquitär durchdringt,(7) kann deshalb nur im Alltagsleben und Alltagsbewusstsein von den Proletarisierten selbst begonnen werden, indem sie ihre Proletarität und ihr Staatsbürgersein selber radikal kritisch in Frage stellen und in ihrer revolutionären Assoziation praktisch alle konkurrenzgesellschaftlichen Trennungen zu beseitigen versuchen, anstatt sich den professionellen AktivistInnen und Führungskräften „der Politisierung“ als Klientel anheim zu geben, sich von diesen zur „politischen Bewegung mobilisieren“ zu lassen. Damit stellt sich die Frage, wie in und aus der totalen Mittellosigkeit des Lohnarbeitsalltags heraus die Intervention in den politischen Weltlauf überhaupt denkbar ist, ohne sich als „schöne Seele“ angeekelt von der reformistischen Realpolitik der Linken abzuwenden und gar nichts zu tun. Eine revolutionäre Realpolitik (der Begriff geht auf Lukács zurück(8)) ist jedoch sogar in der Versprengtheit der communistischen Elemente der globalen Gesamtarbeiterin gut möglich, indem diese sich als „lesende und Dialektik erlernende Arbeiter_innen“ (so die situationistische Formel) assoziieren und mit communistisch-analytischer Polemik die Parteinahme in dem Weltbürgerkrieg zu formulieren und zu organisieren beginnen, der sich längst weiterentwickelt hat. Diese versprengten enfants perdus der wirklichen Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt, können sich nicht als Avantgarde, auch nicht als Autonome außerhalb des kosmopolitischen Proletariats bzw. als von der Klasse getrennt missverstehen, denn deren Teil und Ferment sind sie ja. Sie können nur innerhalb der Sphären von Ökonomie und Politik, denen sie wie alle anderen unterworfen sind, Anregungen für die Aufhebung dieser Trennungen entwickeln: als Theoretiker- und Experimentator_innengruppen (wie die situationistische Bezeichnung für diese theoretische Praxis war).

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Zusatz über Antisemitismus zum Text „Anleitung zum Kampf“

Der Faschismus, diese moderne Barbarei, hat sein Zerstörungswerk stets mit einer auch für „die Linke“ immer noch so furchtbar eingängigen Agitation des Anti-Imperialismus getan, und dieser ist ebenso regelmäßig antiamerikanistisch und antisemitisch zugespitzt auf das Hassobjekt „USrael“: das steht genau für die beiden noch am besten bewaffneten Verkörperungen der fortgeschrittensten bürgerlich-demokratischen Moderne in der Welt. Diese zivilgesellschaftlichen Mächte sollen also vom Erdboden vertilgt werden – wie „das Jahr 1789“ ! Stattdessen soll die Menschheit gewaltsam in “die Rückkehr“ gezwungen werden: zurück in „das Reich“ des Kyffhäusers und der innerlich-deutschen Urwälder oder in die „Umma“ des Kalifen in der geistigen Wüstenlandschaft des Propheten. Freilich sollen beide rückwärtsgekehrten Utopien mindest ebenso fit technologisch modernisiert werden wie die bürgerlich-kapitalistische Produktionsweise, die diese Ausrüstung hervorgebracht hat und der ihr unstillbarer Neidhass gilt. Der moderne Antisemitismus ist dabei das einzig Moderne an der deutschen Ideologie und der islamistischen Ideologie, er verbindet den ursprünglich christlich-germanischen und den ursprünglich islamisch-arabischen Judenhass. Nachdem der nationalsozialistische deutsche Antisemitismus längst in die islamisch-arabische Region importiert worden ist, sodass „Die Protokolle der Weisen von Zion“ und Hitlers „Mein Kampf“ heute Spitzenbestseller der islamischen Weltliteratur und feste Bestandteile des Parteiprogramms einer „Befreiungsbewegung“ wie der HAMAS sind, verschränken sich auch in Good Old Europe, das sich seines „eurozentristischen“ Aufklärungs-Universalismus zu schämen begonnen hat – wenn es sich schon nicht besonders seiner kolonialistischen und kapitalistischen Weltaufteilungs- und Vernichtungskriege schämt sondern diese „erinnerungspolitisch“ hervorragend in sein Herrschafts-Design einzubauen versteht – okzidentaler und orientaler Neuer Antisemitismus immer inniger. „Allahs Sonne über dem Abendland“ verbrennt zunehmend die Herzen und Hirne in der kulturrelativistisch-multikulturalistisch getünchten Festung Europa, in der die honorigen BürgerInnen aus dem Schatten der Aufklärung mit ihrer unangenehmen Dialektik endlich ganz heraustreten möchten – ins warme Licht des „Antisemitismus der Vernunft“, wo die Juden nun einmal endlich tot zu sein haben und infolge der Endlösung nun die antijüdischen Gläubigen („die Muslime“) und antizionistischen Militanten („die Palästinenser“) zu den „Juden von heute“ erklärt werden.